DER FUNK IM ZWIEFACHEN
NACHWUCHS FÜR DAS KABARETT: DER MUSIKALISCHE HUMORIST UND BANDONEON-VIRTUOSE STEFAN STRAUBINGER
Das ist einfach, sagt Stefan Straubinger. Der Landler ist ein Tanz im Dreiviertel-Takt. Selten im Zweiviertel-Takt und selten im Siebenachtel-Takt. Klatschen, stampfen sind erlaubt. Jodeln und Gstanzl-Singen auch. Ja, und beim Zwiefachen, erklärt der in München lebende Tachertinger weiter, wechseln sich Dreiviertel und Zweiviertel-Takt miteinander ab. Getanzt wird in Walzerschritten oder in Drehern.
Am liebsten würde Straubinger aufhören zu reden, einfach aufspringen und mitten im Cafe vormachen, wie die Tanzschritte gehen. Auf der Bühne macht er das ja schließlich auch. Besser wäre es aber noch, er hätte zum Erklären gleich seine Instrumente dabei: das Bandoneon, die Drehleier. Dann würde er zu spielen anfangen, alles um sich herum vergessen, Zwiefache und Landler nach Herzenslust miteinander verquirlen. Am Ende käme Funkmusik heraus, die bei Straubinger sowieso so klingt, als ob sie altbayerische Wurzeln hätte.
Echte bayerische Volksmusik, wie man sie heute kennt, ist nichts anderes als historische Popmusik des 19. Jahrhunderts, sagt der 33-Jährige. Volksmusik-Puristen dürften schon bei dem Wort Pop zusammenzucken, aber Straubinger behauptet diese These nicht einfach, um zu polarisieren oder kommerzielle und traditionelle Volksmusik zu bewerten, sondern weil er sich lange Jahre intensiv mit allen möglichen Formen der Volksmusik beschäftigt hat.
Angefangen hat alles mit dem berühmten Schneewalzer. Der lief damals ständig im Radio und den wollte auch ich spielen, erinnert sich Straubinger. Und er spielte ihn. Mit dem Akkordeon, das er als Sechsjähriger anfing, zu spielen und das er von seiner Mutter bekommen hatte, weil ihr das Instrument so gut gefiel. Immer mehr Stücke schaffte sich der Tachertinger drauf, spielte zu Geburtstagen oder bei Alpenvereinsfesten. Und schließlich, Jahre später, bei den Fraunhofer Volksmusiktagen oder beim Volksmusikfestival in Regen. Sein erster Solo-Auftritt dort kam so gut an und war für Stefan Straubinger eine Bestätigung, die er brauchte. Von da an wusste ich: Mit der Musik geht es weiter.
Die inhaltliche Auseinandersetzung, welche nun die ehrlichere Volksmusik sei, die traditionelle oder die kommerzielle, hatte er damals schon hinter sich. Der Musikantenstadl gilt als Synonym für seichte Volksmusik. Die Lieder gaukeln einem oberflächlich eine heile Welt vor. Aber das geschieht in der echten Volksmusik ja auch, erklärt der Musiker. Eine Wunschwelt werde da zurechtgezimmert und an der Heimat festgehalten, so wie sie einmal war. Straubinger, aufgewachsen mit Liedgut aus Oberbayern, stört sich nicht an den unterschiedlichen Sichtweisen von Volksmusik, sondern an der Engstirnigkeit, mit der die echten Volksmusikanten ihren Anspruch auf Authentizität verteidigen. Ihm geht es nur um die Musik, die viele Facetten haben muss, um lebendig zu sein. Der Funk im Dreivierteltakt - auch das ist Volksmusik. Es macht dem Musikanten, wie sich Straubinger selbst am liebsten nennt, Spaß nach den regionalen, musikalischen Wurzeln zu suchen, immer neue, alte Stücke auszugraben und frech zu arrangieren, ein traditionelles Stück harmonisch und rhythmisch zu versauen. Die Beschäftigung mit Tanzformen des 18. und 19. Jahrhunderts bringt ihn außerdem 1989 zu einem neuen Instrument, der Drehleier.
So steht der Mann, der in München und Wien eigentlich Architektur studiert hat, aber viel lieber über den Unterschied eines regelmäßigen Zwiefachen und eines Steirischen Landlers plaudert, als über Räume und Design, auf der Bühne und spielt, was das Zeug hält. Aus einem stillen, eher introvertierten Menschen wird ein Pulverfass. Straubingers Finger jagen in einem Wahnsinnstempo über die Tastatur seines Bandoneons, impulsiv bearbeitet er die Drehleier und singt Volkslieder. Auf bayerisch natürlich. Laut stampft der Fuß den Rhythmus der Musik mit. Aus Walzer wird Rap, aus Zwiefachen werden Funksongs, die er als alpenländische Tänze des 20. Jahrhunderts verkauft. Dazwischen redet er ein wenig. Nur das Nötigste. Die pointierte Sparsamkeit seiner Moderationen sind sein Markenzeichen. Und seine enorme Virtuosität.
Aus allem hat Straubinger sein erstes großes Programm Landlerisch-Funkig-Humoresk gewoben. Was er da genau macht, weiß Straubinger selbst noch nicht so genau. Es ist ein Weg, wie er bescheiden sagt. Musikkabarett? Nein. Eher sei er ein Humorist. Ein musikalischer. Ein abgedrehter. Sein Anliegen ist dafür umso klarer: Ich möchte die Menschen, die gar nichts mit Volksmusik zu tun haben wollen, für sie begeistern und die Puristen einwenig von ihrer Engstirnigkeit befreien. Was ein Zwiefacher ist? Ein Landler? Diejenigen, die Straubinger gehört haben, werden es wissen und nicht vergessen. (Stefan Straubinger spielt sein Programm Landlerisch-Funkig-Humoresk am Freitag, 12. Januar, im Giesinger Bahnhof. Beginn 20 Uhr.)
NICOLE GRANER
Süddeutsche Zeitung am 10.01.07
Entkrustung der Volksmusik
Straubinger bot ein Klangpotpourri alpenländischer Volksmusik vom 18. bis zum 21. Jahrhundert und präsentierte neben abgefahrenen Funk- Interpretationen sowie Drück- und Ziehluftspielereien auch poetische Weisen. Damit kam er seinem Ziel, an der Entkrustung der Volksmusik beizutragen und sie den Abgeneigten gar schmackhaft zu machen, sehr nah.
Münchner Merkur, Montag, 18. März 2002
Trockene Bemerkungen
Straubinger, der "in der typischen Tracht eines Architekturstudenten des ausgehenden 20. Jahrhunderts" (O-Ton Straubinger) auftrat, verstand es, das Publikum mit seinen trockenen Bemerkungen, seinem repetitiven Sprechen und vor allem mit seiner Musik zu begeistern. Ein Höhepunkt war sicherlich die Interpretation des allseits bekannten und beliebten Volksliedes "Hans bleib da". Somit wurde dieser Kabarett-Abend zu einem würdigen Beginn des "Festival Musica Popularis".
Ambros Gruber, Text zur Festival-CD Aug. 2003
Außergewöhnliche Vortragsart
Mit abenteuerlichen Beschreibungen seiner Stücke brachte er die Zuhörer immer wieder zum Lachen, aber auch mit seiner außergewöhnlichen Vortragsart bayerischer Musik.
Die Concertina zieht er dabei oft so weit auseinander, dass sich der Zuschauer fragt, ob sich die Falten des Instrumentes je wieder richtig zusammenfügen können.
Regionalzeitung Landau, 08. September 2001
Junge Volksmusik
An diesem Abend will Stefan Straubinger den Besuchern eine besondere Mischung aus Klängen und Musikkabarett bieten, mit der er vor allem die jüngere Generation in seinen Bann zieht. Sein Publikum konnte er damit schon in Regen und im Theater im Fraunhofer in München begeistern.
Regionalzeitung Bad Birnbach, 09.04.2001
Wenn der Landler den Funk trifft
Zwiefacher, Landler, Walzer und Funk - die ersten drei Komponenten lassen sich ja noch vereinbaren. Doch wie soll das alles gemeinsam mit dem Funk funktionieren? Sollte es im Gewölbe anfangs Skeptiker gegeben haben, Straubinger belehrte sie eines Besseren.
Sollten dann Skeptiker noch meinen, mit dem "neu-bairischen" Musik-Crossover ziehe Straubinger Volksmusik ins Lächerliche, dann irren sie auch in diesem Punkt. Lachen mussten die etwa 60 Zuschauer zwar schon, aber vordergründeig über die ironischen und witzigen Texte Straubingers sowie über seine Mimik, die er beim Musizieren aufstzte. Straubingers Können auf Drehleier und Bandoneon ist durchaus ernst zu nehmen.
Dabei ließ er seine Drehleier oftmals jaulen und wimmern wie weiland Jimi Hendrix seine Gitarre
Zwiefacher, Landler, Walzer und Funk - das neu-bairische Musik-Crossover funktionierte. Straubinger bot feines musikalisches Comedy-Programm, bei dem sein musikalisches und sein komödiantisches Talent gleichermaßen zur Geltung kamen. Straubingers Konzept griff: Musik mit feinsinnigem Humor gepaart, der glücklicherweise ohne g´scherte Schenkelklopfer auskam.
Trostberger Tagblatt, 03.11.2004
Bayerisch G`spuit und g`sunga
"Dass die Singgemeinschaft sich nicht scheut, auch einmal außergewöhnliche Musikanten einzuladen, zeigte sich in den heiter-derben Auftritten von Stefan Straubinger, der mit seinen Darbietungen an der Drehleier und mit dem Bandoneon das Publikum zunächst sichlich überraschte, dann aber zunehmend begeisterte."
Münchner Merkur, Regionalausgabe Dachau, 22.03.2005